Folkländer

Die Gruppe, die 1976 an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst gegründet wurde, hat die DDR-Folkszene entscheidend mitgeprägt. Initiator war Jürgen Wolff (Gitarre, Konzertina), der ebenso wie zwei weitere Mitglieder aus dem Vogtland kam. Die Verbindung Folk und Vogtland gab der Gruppe den Namen. Man begann mit Irish Folk, wechselte aber bald zum deutschen Volkslied, gern mit aktuellem DDR-Bezug. Ab Herbst 1978 forschte Folkländer intensiv in Büchereien und Archiven nach verschütteten deutschen Volksliedern. Im Ergebnis entstanden elf Liederhefte und 1982 eine 230-seitige „Bibliographie der Literatur zum deutschen Volkslied“.

Wichtige Mitglieder am Anfang: Ulrich Doberenz (Kontrabass), Wolfgang Leyn (Brummtopf, Löffel), Gabi Lattke (Geige), Horst Gröschel (Akkordeon), Peter Uhlmann (Gitarre, Mandoline). Es gab mehrfach Umbesetzungen. 1978 kam Erik Kross (Hackbrett, Akkordeon) in die Band, der 1980 zu Wacholder ging. 1979 wechselte Manfred Wagenbreth (Gitarre, Mandoline) von Windbeutel zu Folkländer. Ende 1980 kam Ulrike Triebel (Geige) hinzu. Ab 1979 erste Auslandsgastspiele (Polen, Frankreich, ČSSR, Zypern), 1981 Einstufung als Berufsmusiker (Profi-Pappe), 1982 erste eigene Langspielplatte (AMIGA). „Authentisches hatten wir nicht vor […] Melodien und Texte haben wir, nicht willkürlich, aber da, wo es uns angemessen erschien, verändert. […] Was wir wollten, eine Art finden, Volkslieder aus heutiger Sicht und mit heutigem Abstand gebrauchsfähig zu machen, ihnen den Staub des ‚Es war einmal‘ wegzublasen.“ (Jürgen Wolff, Covertext der LP „Wenn man fragt, wer hat’s getan …“, AMIGA 1982).

Schon im Herbst 1976 hatte Folkländer in Leipzig die erste DDR-offene Folkwerkstatt organisiert, quasi die Geburtsstunde einer eigenständigen Szene. Zum Folkländer-Geburtstag lud man ab 1978 befreundete Bands ein. Daraus entwickelten sich ab 1980 die Zentralen Folkwerkstätten der DDR, die bis 1984 jedes Jahr in Leipzig stattfanden, mit Folkländer als Mitveranstalter. Clou der Werkstatt 1980: Volkstanz zum Mitmachen, nach ungarischem Vorbild mit Tanzmeister und Vortanzpaaren. Freunde von Folkländer hatten dafür die Tanzgruppe Kreuz & Square gegründet, die erste der rasch boomenden Folkstanz-Szene des Landes.

Angeregt durch Folkländer wurden das „Leipziger Folksblatt“, das spätere DDR-Pendant zum westdeutschen Szenemagazin „Folk-Michel“, und die Hektik Drive Bigband mit 27 Musikern aus zwölf Gruppen (beides zur Werkstatt 1981). Die Premiere des Singspiels „Die Boten des Todes“ (Folkoper) zur Werkstatt 1982 (Text Jürgen Wolff/Dieter Beckert, Musik Erik Kross, Regie Dieter Beckert, Koregie Hans-Eckardt Wenzel) wurde verboten. Auftritt 1982 beim Festival des politischen Liedes.

Im Herbst 1982 beschloss die Band, künftig nur noch zum Volkstanz zu spielen. Aus Folkländer wurde die größere Formation Folkländers Bierfiedler. 1985 verließ Jürgen B. Wolff die Gruppe, um fortan mit Dieter Beckert als Duo Sonnenschirm „brachialromantische“ Wege zu gehen. Sänger und Chef der Band wurde Manne Wagenbreth, neue Mitglieder u. a. Jörg Wolf (Violoncello), Holger Lattke (Saxophon, Klarinette), Simone Danaylowa (Akkordeon) und Volker Friedemann Seumel (Geige), später Heidi Eichenberg (Akkordeon) und Dirk Wasmund (Klarinette).

1990 gehörten Doberenz, Uhlmann und Wolff zu den Initiatoren des Tanz- und Folkfestes in Rudolstadt und gründeten das Plattenlabel Loewenzahn. 1991 Auflösung von Folkländers Bierfiedler und Gründung von Drumalane Waltz durch Manne Wagenbreth. 1994 entstanden Die Bierfiedler neu mit zahlreichen Mitgliedern von früher. 2004 Umbenennung in Die Sieben Leben. Auflösung der Band 2008.

Ab 1998 erschienen drei Alben der eigens für die Einspielung gegründeten Leipziger Folksession Band mit Bierfiedler-Musikern und Gästen wie Jürgen B. Wolff und Jens-Paul Wollenberg.

Tonträger: Folkländer: Frisch auf ins weite Feld (AMIGA 1980, 5 Titel); Wenn man fragt, wer hat’s getan … (AMIGA 1982); Folk’s Tanz Haus (AMIGA 1985, mit JAMS); Folkländers Bierfiedler: Krach auf dem Heimweg (1991); Der nächste Dampfer (1995); Live at Killiwilly (1995, mit Wimmerschinken); Bierfiedler (1997); Das Beste & Reste (2000, Folkländer/Bierfiedler); Unterm böhmischen Wind (2001); Nimm von mir (2002). Weiterhin CDs von Die Sieben Leben

Leipziger Folk Sessions: Vol. 1 (18 aus 48, 1998); Vol. 2 (Ein freyes Leben führen wir, 1999); Vol. 3 (www.hollahi.de, 2001). Mit Gästen wie Jürgen B. Wolff und Jens-Paul Wollenberg.

Duo Sonnenschirm (Auswahl): Kleeblatt Nr. 26 Zeitzeichen (AMIGA 1989, darauf 3 Titel); Beschattung durch Duo Sonnenschirm (AMIGA 1989); Flucht nach vorn (1990).

Buchcover "Volkes Lied und Vater Staat"