Wacholder

Eine der bekanntesten und langlebigsten Bands der DDR-Folkszene (1978 bis 2001), glänzte durch Liedinterpretation, Konzeptprogramme, prägnante Stimmen. 1978 gegründet von Studenten der Hochschule für Bauwesen in Cottbus anlässlich einer Faschingsparty. Mitglieder damals: Matthias „Kies“ Kießling aus Johanngeorgenstadt im Erzgebirge (Gesang, Gitarren, Akkordeon, Konzertina u. a.), Scarlett Seeboldt aus Buckow bei Berlin (Gesang, Akkordeon, Flöten, Whistles, Brummtopf u. a.), Jörg „Ko“ Kokott aus Leipzig (Gesang, Gitarren, Mandolinen, Drehleier, Kontrabass u. a.), weiter Rainer-Christoph „Pascha“ Dietrich (Violine, Cello), Olaf Zimmermann (Kontrabass), kurzzeitig auch Steffen Junghans und Andrea Schlesinski. Anfangs gängige deutsche Folksongs, übernommen von Hannes Wader, Liederjan u. a., bald, nach intensivem Quellenstudium, eigenes Repertoire, besonders Lieder der Handwerksgesellen und Antikriegslieder, Neuvertonung überlieferter Volksliedtexte.

„Wir wollten uns musikalisch auf Deutsch ausdrücken und dem Ganzen einen folkloristischen, leicht irischen Touch geben. […] Von Anfang an sollten unsere Sachen Anspruch haben, speziell die Texte. Obwohl wir zunächst viele Sauf-, Tanz- und Gesellenlieder machten, ging es uns schon darum, Inhalte zu transportieren. […] Melodien, die uns gefallen haben, oder echte Traditionals haben wir zum Teil so gesungen, wie wir sie fanden. Aber ansonsten haben wir die Texte, auf denen ja keine Rechte lagen, so verkomponiert, wie wir lustig waren.“ (Scarlett Seeboldt im Interview mit Fred Haiduk, www.ostmugge.de)

1980 wurde Wacholder durch Erik Kross (Hackbrett, Akkordeon u. a.) musikalisch vielseitiger. Kross und Pascha gründeten 1981 ihre eigene Gruppe Heureka. Dafür kamen später Almut Walther (Flöten u. a.) von Landluper sowie Matthias Wegner (Geige) dazu. Zeitweise spielte Wacholder auf über 30 Musikinstrumenten. Parallel zum Bauingenieurstudium nahmen die Bandmitglieder Gesangsunterricht am Konservatorium Cottbus.

1981 wurde aus der Amateur- eine Profi-Band (Profi-Pappe). Sie nahm beim DDR-Label AMIGA zwei Langspielplatten auf und gab mehrere Liederhefte heraus. Sie trat bei allen wichtigen Folkfesten, Werkstätten und Festivals in der DDR auf (u. a. Festival des politischen Liedes, Liedersommer Berlin). Anders als viele Bands in der Szene spielte Wacholder nicht zum Volkstanz.

1982 wirkte Wacholder gemeinsam mit dem Berliner Liedtheater Karls Enkel und dem Dresdner Chansonduo Dieter Beckert und Karl-Heinz Schulz (später Saleh) an der „Hammer-Rehwü“ mit, einer Revue im Stile der 1920er Jahre mit aktuellen Texten von Wenzel und Mensching. Mitten in die mehrwöchige DDR-Tournee fiel ein zeitweiliges Auftrittsverbot durch Cottbusser Funktionäre.

1983 erstes Konzeptprogramm „Ting-Tang-Tellerlein – Lieder zu Heine-Texten“; 1984 „Trotz alledem“ mit Liedern der Revolution von 1848; 1985 „Hüt dich, Wacholdrio. Folklore aus der Dunkelkammer“ mit Texten von Tucholsky, Mühsam und anderen. Der in der Szene umstrittene Einsatz eines Keyboards veränderte Wacholders Stil (eigener Slogan: „Modern Folking“). 1986 bzw. 1988 selbstorganisierte DDR-Tourneen mit Dick Gaughan (Schottland) und Sands Family (Nordirland). Gegeneinladungen und solche in die Bundesrepublik scheiterten an den Behörden. 1988 zeitweilig Soloprojekte aller Gruppenmitglieder, Kies, Scarlett, Ko und Matthias Wegner. 1989 neues Programm „Alles zum Wohle des Folkes“.

Nach der Wende neben traditionellem Folk zunehmend selbstverfasste Texte, meist von Kies. 1991 Programm „Große Zeiten“, danach nur noch in Triobesetzung: Kies, Ko, Scarlett. 1998 anlässlich 20 Jahre Wacholder CD „Unterwegs“ mit Gästen. 2001 offizielles Ende der Gruppe mit dem Programm „Willkommen zum Abschied“, danach bis heute eigene Projekte aller drei Mitglieder im Bereich Lied/Chanson, Kies außerdem Irish Folk. 2007 Wiederveröffentlichung der beiden AMIGA-LPs auf CD. 2008 zum 30. Geburtstag kurzzeitige Reunion für das Programm „Zu guter Letzt“.

Tonträger: Sampler „Ein Kessel Rotes“ (AMIGA 1980) mit vier Wacholder-Titeln; Herr Wirt, so lösche uns’re Brände (AMIGA 1983); Es ist an der Zeit. Die schönsten Folkballaden (AMIGA/Bluesong 1989); Große Zeiten (Stockfisch 1992); Hammer-Rehwü (Nebelhorn 1994); In der Heimat ist es schön (Stockfisch 1994); Landgang (Stockfisch 1996); Unterwegs (John Silver Prod. 1999); Willkommen zum Abschied (Eigenproduktion 2001, VHS-Video); Die legendären AMIGA-Alben (SONY BMG 2007)

Liederhefte: Deutsche Volkslieder Hefte 1 bis 3 (1980/81/82); Herr Wirt so lösche uns’re Brände (1983); Hüt dich, Wacholdrio (1985); Alles zum Wohle des Folkes (1990); In der Heimat ist es schön (1994); Landgang (1996); Unterwegs (1999)

Buchcover "Volkes Lied und Vater Staat"