1977

Wichtige Ereignisse: In Prag gründen Regimekritiker um Václav Havel die Charta 77 +++ Beethoven-Gesamtausgabe erscheint im VEB Deutsche Schallplatten +++ Kaffee-Mix mit 50 % Gerste verärgert Kaffeetrinker +++ Neue Straßenverkehrsordnung, neues Arbeitsgesetzbuch +++ Reiner Kunze übersiedelt in die BRD, Sarah Kirsch nach West-Berlin +++ Erstmals stellen Künstler aus der DDR auf der documenta in Kassel aus +++ Turn- und Sportfest in Leipzig als Abschluss der Kinder- und Jugendspartakiade +++ VIII. Kunstausstellung der DDR in Dresden mit über einer Million Besucher +++ Ausbürgerung von Gerulf Pannach und Christian Kunert (Klaus-Renft-Combo), Abschiebung nach West-Berlin.

Gründung von Judahej (Cottbus), Spielmann (Berlin).


Februar 1977

Beschluss des SED-Zentralkomitees zur Förderung des künstlerischen Volksschaffens: Der „ideologische Gehalt“ sei zu vertiefen und die künstlerische Qualität zu erhöhen. Rundfunk, Fernsehen, der VEB Deutsche Schallplatten werden beauftragt, die Volkskunst stärker zu präsentieren. Fünf regionale Folklorezentren sollen gegründet werden: Erzgebirge/Vogtland (für die Bezirke Karl-Marx-Stadt und Dresden), Harz (für die Bezirke Magdeburg, Halle und Erfurt), Mecklenburg (für die Bezirke Rostock, Schwerin und Neubrandenburg), Thüringen (für die Bezirke Erfurt, Gera und Suhl) sowie ein Sorbisches Folklorezentrum für die zweisprachigen Gebiete der Lausitz (Bezirke Dresden und Cottbus). Im Palast der Republik in Berlin sollen jährlich im Wechsel „Volkskunsttage der Bezirke“ durchgeführt werden.


März 1977

Vertreter von Bands aus Berlin, Erfurt, Greifswald, Leipzig und Potsdam sowie Musikwissenschaftler und Verbindungsleute zur FDJ-Singebewegung gründen das Folklore-InitiativkomiteeFINK. Ziel: bessere Kooperation miteinander und Interessenvertretung gegenüber den Kulturbehörden, die die Szene bis dahin nicht zur Kenntnis genommen haben.


Mai 1977

Berlin. FINK und Folk 77 richten die 2. DDR-Folklorewerkstatt aus. Auf dem Programm stehen Konzerte im Kulturhaus Prater und einem Jugendklub, Straßenmusik in Prenzlauer Berg. Mit dabei sind neun Bands bzw. Duos und drei Solisten. Aus Berlin kommen Jack & Genossen, Larkin, Skye, Spielman und Folk 77 sowie Bob Lumer und Perry Friedman, dazu Brummtopf aus Erfurt, Frithjof (Heller) und Issy (Marie-Luise Heller) aus Greifswald, Folkländer aus Leipzig sowie Wind, Sand & Sterne aus Stützengrün im Erzgebirge und Ingo Wetzker aus Potsdam. Inzwischen wird zu drei Vierteln deutsch gesungen.


Juni 1977

Berlin. FINK wird durch das DDR-Kulturministerium zur Selbstauflösung genötigt, soll aber durch eine Arbeitsgemeinschaft Musikfolklore beim Zentralhaus für Kulturarbeit ersetzt werden (was erst 1982 geschieht).


Juli 1977

Merseburg. Folkländer nimmt als erste Folkband als Gast an einer zentralen Werkstattwoche der FDJ-Singebewegung teil. Eingeladen ist auch das Liedtheater Karls Enkel aus Berlin.


September 1977

Leipzig. Folkländer bekommt die Genehmigung, während der Leipziger Herbstmesse und während der Frühjahrsmesse im März 1978 eine Woche lang in der Innenstadt Straßenmusik zu machen. Bei solchen Anlässen wie auch bei den Volksfesten, die in den 1970ern zahlreicher werden, ist Musizieren auf Straßen und Plätzen behördlicherseits erwünscht. Übers Jahr gilt allgemein die Regel: Was nicht erlaubt ist, das ist verboten.


Dezember 1977

Greifswald. 1. Singeklöne im Studentenklub Kiste der Ernst-Moritz-Arndt-Universität. Künftig treffen sich jedes Jahr am ersten Dezember-Wochenende Singeklubs, aber auch Folkbands vor allem aus den drei Nordbezirken Rostock, Neubrandenburg und Schwerin zum gemeinsamen Singen, Musizieren, Diskutieren und dem abschließenden Advents-Frühschoppen. Aus der Folkszene dabei sind in den nächsten Jahren u. a. Skiffle Schwerin, Uns Hüsung, Piatkowski &Rieck, Nach der Arbeit, Fußfolk, Polkatoffel, Die Raben, Wacholder, Zugvögel.

Buchcover "Volkes Lied und Vater Staat"