1985

Auftritt der Kabarettisten Dieter Hildebrandt (BRD) und Werner Schneyder (Österreich) in Leipzig +++ Einweihung der wieder aufgebauten Dresdner Semperoper +++ Michail Gorbatschow wird Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion +++ Bundespräsident Richard von Weizsäcker spricht vom 8. Mai 1945 als „Tag der Befreiung“ +++ Honecker beim Papst in Rom +++ Live-Aid-Konzert in London für die Hungernden in Afrika wird in 170 Länder übertragen +++ Einmillionster Pkw Wartburg läuft in Eisenach vom Band +++ Helmut Kohl vergleicht Gorbatschow mit Goebbels +++ Erste deutsch-deutsche Städtepartnerschaft zwischen Eisenhüttenstadt und Saarlouis +++ UdSSR und USA bekennen sich zum Gewaltverzicht.

Gründung vonBergfolk (Wernigerode), Bruder Anton (Freiberg), Burgunder (Halle), Exit (Leipzig, später Reel Feelings), Frustschutz (Halle), Haus und Hof Kapelle (Leipzig), Lumich (Leipzig), Musikerhäuflein Schillebold (mit Tanzgruppe Zucker und Zimt, Jena), Quickborn („Ur-Quickborn“, Schwerin), Wurzelfolk (Plauen), Deutsche Dudelsack Runde (bis zu zwölf Spieler, Leitung Bernd Eichler).

Schallplatten: „Folks’ Tanz Haus“ mit Volkstanz-Musik, live eingespielt von JAMS und Folkländers Bierfiedlern, AMIGA 8 45 289; eine Lizenz-Schallplatte: „Der Dreschflegel. Aufsässige Volkslieder aus Österreich“, Übernahme von Extraplatte (Wien), ETERNA 8 35 098.

Ab 1985 (relativ) periodisches Erscheinen des –>„Leipziger Folksblatts“.

Der Liedermacher Stephan Krawczyk erhält wegen zunehmend kritischer Texte –>Auftrittsverbot. Konzerte sind danach nur noch unter dem Dach der evangelischen Kirche möglich, sofern sich dort engagierte Pfarrer gegen die eher vorsichtige Kirchenführung durchsetzen können. Programme „Steinschlag“, „Pässe, Parolen“.


Januar 1985

Ilmenau. Zentrale Folklorewerkstatt, aus politischen Gründen erstmals nicht in Leipzig. Einfach so vorbeizukommen, wie bisher üblich, ist im abgelegenen Ilmenau unmöglich. Delegiert von den Bezirks-Kabinetten für Kulturarbeit sind 16 Gruppen, u. a. Antiqua, Arbeiterfolk, Kantholz, Stieger Walzmusikanten und Windbeutel. Die meisten etablierten Folkbands boykottieren die Werkstatt. Im internen Abschlussbericht desZentralhauses für Kulturarbeit heißt es, zum Gelingen beigetragen habe die „stabsmäßige, politisch straffe Führung […] unter Führung der zentralen Parteigruppe“.

Das Sonderheft „Zeitkritische Lieder Hoffmanns von Fallersleben“ in Folkländers „Kleiner Reihe deutsche Volkslieder“ erscheint. Erarbeitet haben es Notentritt, Jürgen Wolff und Erik Kross. Beim Leipziger Zentralhaus für Kulturarbeit fehlt das nötige Papierkontingent, daher wird das Heft in Quedlinburg gedruckt. Möglich wird das durch Kross’ gute Beziehungen zum dortigen Theater. Als es später auf Anweisung aus dem SED-Zentralkomitee wegen „Unausgewogenheit“ beschlagnahmt wird, sind bereits über 200 Exemplare verteilt.


März 1985

Leipzig. 5. Internationales Bachfest. Das Heureka-Dezett, besetzt u. a. mit Drehleier, Dudelsack und Kontrafagott, führt eine von Erik Kross komponierte Kammersinfonie auf, in der Volkweisen aus der Bach-Zeit verarbeitet sind.


April 1985

Hoyerswerda. Beim 6. Folklorefest im Jugendklubhaus sind dabei: Arbeiterfolk, Liedehrlich und Wacholder; Brigade Feuerstein zeigt Liedtheater, der Chilene Lautaro Valdés (Ost-Berlin) singt. Es gibt Folkstanz mit Bummelhops und Tanzteufel.


Juni 1985

Schwerin. 2. Mecklenburgisches Folklorefestival am Rande der 825-Jahrfeier der Stadt, organisiert vom Folklorezentrum für die drei Nordbezirke.

Rund um Rudolstadt. 3. Folkloretour über 20 Dörfer rund um die Tanzfest-Stadt. Dabei sind Musiker von Brummtopf, Saitensprung, Folkländer, ein chilenischer Sänger aus Jena, Gaukler, Holzgestalter, Bauchladenverkäufer. Auftrittsorte: Jugendklub, Gasthof, Ferienheim, Heilstätte, Kinderferienlager, Dorfanger, Fabrikhalle. Übernachtet wird in Zelten.


Juli 1985

Rudolstadt. Beim 15. Tanzfest der DDR gehört Mitmachtanz zu den festen Programmpunkten, bestritten von JAMSTanzhaus, Saitensprungs Tanzband und Wechselhupf sowie Folkländers Bierfiedlern und Kreuz & Square. Horch gibt ein Konzert.

Magdeburg. Wacholder gibt während der Werkstattwoche der FDJ-Singebewegung ein Konzert. Matthias Kießling vermittelt in einem Workshop Techniken des Picking-Gitarren-Spiels.


August 1985

Berlin. 3. Liedersommer. 90 000 Besucher erleben 48 Solisten und Gruppen aus zwölf Ländern. Folkmusik nimmt einen breiten Raum ein, u. a. mit Zupfgeigenhansel (BRD), Los Jaivas (Chile), Whistlebinkies (Schottland), Lydie Auvray (Frankreich) sowie Horch, Wacholder, JAMSTanzhaus aus der DDR. Exzellent besetzt auch die Liedermacher-Sparte: Hans-Eckardt Wenzel (DDR), Tommy Sands (Nordirland), Hannes Wader (BRD), Stephan Sulke (Schweiz).

Leipzig. 1. Liederaue, einwöchiges Open-Air-Festival, kleineres Pendant zum Liedersommer in Berlin, veranstaltet von FDJ, Stadt und Folkklub Leipzig. Die Parkbühne im Clara-Zetkin-Park (abends wegen Regen die Kongresshalle) lockt mit einem Genremix aus Folk, Rock, Chanson, Straßentheater, Kinderfest, Mittelaltermusik und Mitmach-Volkstanz. Stargast ist Tommy Sands (Nordirland). Das geplante Open-Air-Konzert von Zupfgeigenhansel (BRD) fällt wegen eines Gewitters aus. Stark vertreten ist die DDR-Folkszene mit Folkländers Bierfiedlern, Schottenschulle, Spilwut, Findlinge, Huywäldler, Wimmerschinken und der Tanz & Spring Band.


September 1985

Halle. Drittes Folklorefest u. a. mit mehreren halleschen Bands – Horch, Notentritt, Fliegenpilz, Klautschmaul – sowie Dr. Eisenbart (ehemals Asthma) mit Tanzgruppe Fehltritt, Schlendrian, Jens-Paul Wollenberg und HKSMV aus Eisleben (später HKSMV). Abends spielt in der „Schorre“ die Tanz & Spring Band.


Oktober 1985

3. FDJ-Liedertournee. Perry Friedman, Arbeiterfolk, die chilenische Singegruppe Alerce, die südafrikanischen Sängerin Cynthia Nokwe und Mae Shaw aus Großbritannien touren vier Wochen lang durch die DDR.


November 1985

Frankfurt (Oder). Notentritt erhält bei den Chansontagen den Preis des Staatlichen Komitees für Fernsehen.


Dezember 1985

Greifswald. Im Studentenklub Kiste der Ernst-Moritz-Arndt-Universität findet erstmals die „Singeklöne“ statt. Bis 1992 treffen sich dort jedes Jahr am ersten Dezemberwochenende Singegruppen, Folkbands und Liedermacher. Organisiert wird sie von dem Liedermacher Waldo Werner.

Buchcover "Volkes Lied und Vater Staat"