Ausländer

Anders als die Bundesrepublik war die DDR kein Einwanderungsland. Der Ausländeranteil lag bei einem Prozent. Auch in der DDR-Folkszene gab es nur wenige Ausländer. Sie spielten dort jedoch, besonders in der Anfangszeit, eine wichtige Rolle. Jack Mitchell, der als Sohn eines schottischen Vaters und einer irischen Mutter in London aufgewachsen war, lebte ab 1956 in der DDR und lehrte als Anglistikdozent an der Humboldt-Universität zu Berlin. Mit seinen Studenten baute er 1972 die Singegruppe Larkin auf, zu der u. a. Frithjof Schulze („Irenschulle“) und Ingo Wetzker gehörten. 1973 gründete Mitchell u. a. mit dem Dudelsackspieler, Jazzer und Instrumentenbauer Bernd Eichler die Band Jack & Genossen. Deren AMIGA-Single von 1975 war die erste Schallplatte der DDR-Folkszene.

Jack & Genossen aus Berlin: Jack Mitchell, Gabi Martin und Bernd Eichler, von rechts (Foto: Jürgen Hohmuth/zeitort)
Jack & Genossen aus Berlin: Jack Mitchell, Gabi Martin und Bernd Eichler, von rechts (Foto: Jürgen Hohmuth/zeitort)

Jack & Genossen in Berlin zählten gemeinsam mit Enniskillen, die ab 1975 in Greifswald ausschließlich Irish Folk spielten, zu den Vorbildgruppen des ostdeutschen Folk-Revivals. Die Folkländer, die sich 1976 in Leipzig zusammenfanden, spielten anfangs ebenfalls fast nur Irisches. Schottisch geprägt war die Berliner Band Skye, 1978 gegründet von Peter Schultze. Jack Mitchell erinnert sich an die keltophilen Anfänge: „Zuerst sangen die Gruppen fast ausschließlich irisch-schottische Folklore. Nach kurzer Zeit fingen sie an, deutsche Volkslieder zu singen. Nicht im alten gutbürgerlichen Stil, sondern mit derselben Energie und Derbheit, die auch die schottischen Lieder haben.“

Trinational zusammengesetzt war das 1979 gegründete Berliner Folktrio Bordun. Es bestand aus dem US-Amerikaner Bob Lumer, seiner Ehefrau Helga, einer DDR-Bürgerin, sowie dem Bretonen Yves Le Mao. Bob Lumer (Geige und fünfseitiges Banjo) war als Historiker und Literaturwissenschaftler an der Ost-Berliner Akademie der Wissenschaften und zeitweilig an der Rostocker Uni tätig. Helga Lumer (Akkordeon) war Anglistin und Ex-Mitglied von Larkin. Yves Le Mao (Geige, fünfseitiges Banjo und Bombarde) arbeitete beim DDR-Auslandssender Radio Berlin International.

Schon 1966/67 hatte Lumer in Ost-Berlin zusammen mit Jack Mitchell musiziert. Aufgewachsen in Cleveland, Ohio, wurde er von der US-Folkbewegung der fünfziger Jahre geprägt – und erlebte deren Niedergang. „Es gab zwar viele am Folk orientierte Profis, aber diese Basisbewegung, wo du am Sonnabend gemeinsam mit deinen Kumpels aus der Uni Musik gemacht hast und es sammelten sich Leute um dich rum, die war verschwunden. Als ich dann in die DDR kam, habe ich sie wiedergefunden. Ich war begeistert. Es war ein Hauch von neuem Leben für mich.“ Während seiner Zeit in Rostock leitete Bob die studentische Singegruppe Singlistics, aus der sich später Fiddler’s Grien entwickelte. Dort war dann 1982/83 auch der schottische Germanistikstudent Dave Robb aktiv, der später über das Berliner Liedermacher-Duo Wenzel und Mensching promovierte.

Migo, mit bürgerlichem Namen Michal Svoboda, Sohn einer deutschen Mutter und eines slowakischen Vaters, spielte Anfang der achtziger Jahre als Stomatologiestudent in Erfurt Geige bei Brummtopf und später bei Saitensprung. Dort brachte er in dieser Zeit z. B. das Trinklied „Ešte si ja pohár vínka vypijem“ oder den temperamentvollen slowakischen Csárdás „To ta heľpa“ ins Repertoire ein. Das waren für die DDR-Szene ungewohnte Klänge.

Bei Landluper in Plauen musizierte zwischen 1981 und 1984 Vasile Marian, der damals als Solo-Oboist am Vogtlandorchester Reichenbach engagiert war. Von ihm lernte die vogtländische Folkband rumänische Volkstanzweisen kennen, mit ungewohnten Rhythmen wie dem 7/8- oder 15/16-Takt. „Das tat weh!“, erinnert sich Bandchef Matthias Walther, „ging aber dann doch.“ Marian zu Ehren spielte Landluper den „Deutsch-rumänischen Freundschaftstanz“.

Ende 1984 wurde die Musik- und Tanzgruppe Leipzig Morris gegründet. Zwei Engländer hatten die Tradition der Morristänze mitgebracht. Phil Lamble und Chris Webster waren beide als Muttersprachler an der Leipziger Uni tätig. Ihnen gelang es ohne große Mühe, Musiker und Tänzer für die rituellen Tänze mit Stöcken und Tüchern zu begeistern. Leipzig Morris konnte man bei Folklorefesten oder zur Straßenmusik während der Messen im März und im September erleben, bis heute, z. B. beim jährlichen Lämmermarkt in Höfgen-Kaditzsch bei Grimma.

An der Leipziger Universität bestand seit 1970 das Ensemble Solidarität, in dem studentische Gesangs- und Tanzgruppen aus rund 20 Ländern mitwirkten. Mit der DDR-Folkszene gab es dort aber kaum Berührungspunkte. Zum einen gingen die Folkies zur Ensemble- und Trachtenfolklore eher auf Abstand, zum anderen gab es dort weder eine Gruppe aus Irland noch eine aus Schottland oder England.

Buchcover "Volkes Lied und Vater Staat"