Chansontage

Die Chansontage oder Tage des Chansons, die ab 1975 alle zwei Jahre in Frankfurt (Oder) stattfanden, waren das wichtigste Podium für Chansonsänger und Liedermacher in der DDR. Veranstaltet wurde die Leistungsschau vom Komitee für Unterhaltungskunst, das dem Kulturminister unterstand. Der vergab auch den Hauptpreis. Zunächst dominierte das klassische Chanson, in den achtziger Jahren wuchs der Anteil der Liedermacher. Zu den Hauptpreisträgern gehörten auch Interpreten aus der Folkszene: 1979 und 1983 Piatkowski & Rieck, 1981 Stephan Krawczyk (begleitet von seinen Bandkollegen von Liedehrlich). Weitere Preisträger waren 1983 Horch, 1985 Notentritt, 1987 Duo Sonnenschirm und Aufwind. Scarlett Seeboldt, 1978 Gründungsmitglied von Wacholder, hatte schon 1974 in Frankfurt einen Anerkennungspreis bekommen.

Quasi als Gegenpol zu den offiziellen Chansontagen in Frankfurt fanden ab 1976 im einstigen Kloster Michaelstein bei Blankenburg im Harz jedes Jahr DDR-offene Chansontage statt. Sie entwickelten sich zum Treffpunkt einer unabhängigen Liedermacherszene, ohne dass es dabei zu einer strengen Abgrenzung kam. Bei den privat organisierten Werkstatt-Tagen trat 1978 Jens-Paul Wollenberg erstmals auf, sie gaben 1979 den Anstoß zur Gründung von Feuertanz in Ilmenau, hier spielten in den Jahren bis 1984 u. a. Gerhard Schöne, Dieter Beckert, Stephan Krawczyk, Hans-Eckardt Wenzel, Rainer Schulze, Dieter Kalka und Aufwind. 1982 gastierte dort die „Hammer-Rehwü“ mit Karls Enkeln (Berlin), Wacholder (Cottbus) und dem Duo Beckert/Schulz (Dresden). Als der Druck der Stasi auf den Leiter des gastgebenden Telemann-Kammerorchesters zu groß wurde, fielen die Chansontage 1985 aus. Ausweichquartier war 1986 das Dorfkulturhaus in Langeln bei Wernigerode. 1992 fanden in Wernigerode die letzten Chansontage in der Michaelsteiner Tradition statt.

Buchcover "Volkes Lied und Vater Staat"