Festival des politischen Liedes

Von 1970 bis 1990 fand das „Polfest“, wie es in der Szene genannt wurde, jährlich im Februar in Ost-Berlin statt. Bis zu 80 Solisten und Gruppen verschiedener musikalischer Genres aus rund 30 Ländern traten eine Woche lang vor Tausenden Besuchern auf. Und zwar in großen Häusern wie der Volksbühne, dem Berliner Ensemble, der Werner-Seelenbinder-Halle oder dem Palast der Republik. Verbunden fühlten sich die am Festival teilnehmenden Liedermacher, Folkloregruppen, Rockbands und Theatergruppen durch ihr linksgerichtetes Engagement. Zu ihnen gehörten Ikonen der Folk- und Weltmusik wie z. B. Pete Seeger, Miriam Makeba, Mikis Theodorakis, Mercedes Sosa, Atahualpa Yupanqui, Quilapayun.

Wichtig, besonders für die angloirisch geprägten Anfänge des Folk-Revivals in der DDR, waren Konzerte von Sands Family aus Nordirland, Dick Gaughan und The Whistlebinkies aus Schottland und der Oysterband aus England. Vermittelt wurden deren Gastspiele beim Festival u. a. durch Jack Mitchell von Jack & Genossen. Aus der Bundesrepublik gastierten Folkstars wie Hannes Wader, Liederjan oder Zupfgeigenhansel. Für DDR-Interpreten bedeutete die Einladung zum Festival eine Art Ritterschlag. Aus der Folkszene erhielten ihn Jack & Genossen, Folkländer, Liedehrlich, Wacholder, Arbeiterfolk, Piatkowski & Rieck, Aufwind, JAMS, Duo Sonnenschirm.

Das Festival, entstanden in einer Phase der relativen Öffnung und Liberalisierung in der DDR, wurde vom Berliner Oktoberklub, dem „Flaggschiff“ der Singebewegung, gemeinsam mit dem Zentralrat der FDJ organisiert. Das Festival war vieles in einem: offizielle Repräsentationsveranstaltung mit starker medialer Begleitung, Möglichkeit zum Erfahrungsaustausch, politischer Karneval, der für die Beteiligten den DDR-Alltag eine Woche lang außer Kraft setzte, kreative Insel und Fenster zur Welt. Der nächtliche „Songklub“ im Haus der jungen Talente, Berlins größtem Jugendklubhaus, ermöglichte persönliche Begegnungen und das gemeinsame Musizieren mit Künstlern aus aller Welt.

Session beim Festival des politischen Liedes 1982 mit Wacholder, Dick Gaughan aus Schottland und Sands Family aus Nordirland (Foto: Thomas Neumann/neumgraf.de))
Session beim Festival des politischen Liedes 1982 mit Wacholder, Dick Gaughan aus Schottland und Sands Family aus Nordirland (Foto: Thomas Neumann/neumgraf.de))

Buchcover "Volkes Lied und Vater Staat"