Folklorezentrum

1977 wurden fünf regionale Folklorezentren gegründet: das mecklenburgische für die drei Nordbezirke Rostock, Schwerin und Neubrandenburg, das Harzer Folklorezentrum für die Bezirke Magdeburg, Halle und Erfurt, das thüringische für die Bezirke Erfurt, Gera und Suhl, das Folklorezentrum Vogtland/Erzgebirge für die Bezirke Karl-Marx-Stadt und Teile des Bezirks Gera. Außerdem ein Folklorezentrum für die Minderheit der Lausitzer Sorben in den Bezirken Dresden und Cottbus. Diese Zentren, angedockt an BezirksKabinette für Kulturarbeit, sollten die Erschließung und die Nutzung des kulturellen Erbes voranbringen – als Teil der sozialistischen Kulturpolitik. So hatte es im Februar 1977 das Sekretariat des SED-Zentralkomitees beschlossen. Umgesetzt wurden die „Maßnahmen zur Förderung des künstlerischen Volksschaffens“ anschließend vom Ministerrat.

Für die Folkszene hatten die Folklorezentren wenig Bedeutung. Zu stark lag deren Fokus auf materieller Folklore wie Kreuzstichmuster, Reifendrehen oder Blaudruck, auf Brauchtum und Volksarchitektur. Manche Hüter der regionalen Traditionen äußerten auch Bedenken gegenüber dem sehr freien Umgang der Folkbands mit dem überlieferten Material. Genutzt wurden dagegen die Liederhefte vom thüringischen Folklorezentrum. Umgekehrt fanden plattdeutsche Lieder aus dem Repertoire von Folkbands wie Landleute, Piatkowski & Rieck, Spälkram und Nach der Arbeit oder Strandlöper Eingang in das Liederbuch „Dat du min Leewsten büst“, das 1988 mit Unterstützung des mecklenburgischen Folklorezentrums erschien. Dieses lud ab 1982 außerdem zum Niederdeutschen Liederfest der drei Nordbezirke nach Rostock ein.

Was seinerzeit kaum jemand wusste: Der 1984 gegründete Leipziger Folkklub wurde behördenintern als „für das Territorium spezifische Form eines Folklorezentrums“ geführt.

Buchcover "Volkes Lied und Vater Staat"